Selbstrespekt

Selbstrespekt


Ich komme mir vor wie ein Komparse in meinem eigenen Leben.

Ich bin stets bemüht, dass es allen anderen Menschen um mich herum gut geht. Ich arbeite länger und mehr als es mein Arbeitsvertrag vorsieht. Das ist eben meine Pflicht, ich muss das tun. Erst wenn ich alles erledigt habe und alle zufrieden sind, dann denke ich an mich. Nur, dafür ist eigentlich niemals Zeit übrig. Und meistens bin ich auch viel zu müde, etwas zu tun, was mir am Herzen liegt. So wie ich gern Spanisch lernen und dann mal einige Monate in Spanien leben würde. Das ist mein größter Traum. Aber mehr als einen Anfängerkurs an der VHS vor ein paar Jahren habe ich bisher nicht zustande gebracht. Es gibt eben so verdammt viel Pflicht in meinem Leben.

Nach allzu viel Respekt für die eigenen Interessen, Werte, Bedürfnisse und Ziele klingt das nicht. Genau darum geht es aber beim Selbstrespekt: nämlich die eigenen Belange stets im Blick zu haben und gegen die Forderungen anderer Menschen oder z.B. unseres Jobs abzuwägen. Und immer wieder Entscheidungen zu treffen, die dafür sorgen, dass wir dabei nicht zu kurz kommen. Selbstrespekt sollte uns dazu motivieren, uns frei zu entscheiden und eine Balance herzustellen zwischen eigenen und Interessen von außen.

Allerdings befürchten nicht wenige Menschen, mit so einer Haltung bei anderen als Egoist zu gelten.

Wenn sich früher in meiner Familie jemand das größere Stück Kuchen nahm, hieß es (natürlich hinter seinem Rücken), er sei "vom Stamme Nimm". Denn es galt die eiserne Regel, sich selbst grundsätzlich zurückzustellen und eigene Bedürfnisse zu verleugnen. "Nimm Du doch, ich brauche nicht..." Wer sich daran nicht hielt, wurde als egoistisch betrachtet. Und wer wollte schon vom Stamme Nimm sein?

Ich kenne viele Menschen, die so eine Sichtweise früh gelernt haben. Und wie alle Glaubenssätze wurde sie reflexhaft befolgt und selbstverständlich nicht hinterfragt. Bis man - hoffentlich! - eines Tages realisiert, wie unsinnig sie in Wirklichkeit ist. Denn die Aufteilung der Welt in "gute Zurückhalter" und "böse Egoisten" ist ja recht schwarz-weiß. Und nicht gerade erwachsen. Den Selbstrespekt zurückzustellen, um dafür - quasi als Belohnung - als guter, weil bescheidener Mensch zu gelten, ist in Wahrheit ein richtig mieser Deal!

Harmoniebedürftige Menschen mögen hier einwenden: "Aber das ist doch schade. Wär es nicht viel schöner, wenn jeder auch die Interessen seiner Mitmenschen im Blick hat?"

Klar, das wäre super. Solange sich keiner traut, das größere oder letzte Stück Kuchen zu nehmen - "nimm Du, nein, nimm Du, nein, nimm Du doch,..." - ist es zwar höllisch anstrengend, aber das System funktioniert. Bis jemand kommt, der anders tickt, weil er gelernt hat, dass man selbst für sich sorgen muss. Der nimmt das größere Stück natürlich gern. Und denkt sich gar nichts Böses dabei.

Denn so funktioniert die Welt eben: Wo sich der eine lieber zurücknimmt, nimmt sich ein anderer gern den freiwerdenden Raum. Wenn jemand keine Ansage macht, wohin er das Schiff steuern will, wird sich schnell jemand finden, der sehr gern den Kurs vorgibt. Und jemand, der sich lieber in der dritten Reihe aufhält, darf sich nicht wundern, dass andere Menschen sich in der ersten Reihe positionieren.

Sich selbst respektvoll begegnen zu können, ist keine Frage der Persönlichkeit. Sondern vor allem eine Denkgewohnheit. An sich selbst zu denken, kann man lernen. Das geht nicht über Nacht und braucht Zeit, Entschlossenheit und Disziplin. Aber sich selbst nicht den Respekt einzuräumen, den man braucht und verdient hat, bedeutet nicht nur einen kleinen Abzug in der B-Note.

Selbstrespekt ist kein Nice-to-have - sondern für unsere Lebensqualität eine Pflichtveranstaltung.

Selbstbewusstsein

Fehlendes Selbstbewusstsein

Mangelndes Selbstbewusstsein ist kein Persönlichkeitszeug, sondern eine wirklich schlechte Angewohnheit.

Eine Gehaltserhöhung fordern? Im Meeting seine Meinung sagen? Einen Standpunkt aktiv vertreten? Unter Freunden oder in der Familie für eigene Bedürfnisse und Wünsche einstehen? Vielleicht auch mal Nein sagen? Oder die Initiative ergreifen und einen Menschen ansprechen?

Das kann ich nicht. Weil ich nicht selbstbewusst bin. So war ich schon immer, so ist nun mal meine Persönlichkeit. Ich bin so.

Wirklich?

Ich höre solche Feststellungen nicht gerade selten. Vor allem wenn es darum geht, die eigene Komfortzone zu verlassen und etwas Ungewohntes zu tun. Weil jemand unzufrieden ist mit seiner Situation oder dem Leben im Allgemeinen. Oft ist der Veränderungsdruck wirklich groß - aber innere Widerstände sind es leider auch.

Fast alle Menschen bekommen kalte Füße, wenn sie größere Veränderungen angehen wollen oder müssen. Das ist ganz normal und nicht weiter schlimm, denn mit Ängsten kann ich einen Umgang finden. Und eine Angst ist ja meistens auf etwas gerichtet, vor dem ich Angst habe. Also zeigt sie auch die Richtung an, in die die Reise gehen könnte und sollte.

Aber wie gehe ich damit um, wenn ich glaube, nicht selbstbewusst zu sein?

"So bin am ganzen Leibe ich, so bin ich, und so bleibe ich.", sang Zarah Leander einst. Mich darauf zu berufen, dass mein Denken und Fühlen Ausdruck meiner Persönlichkeit ist, macht die Sache erst einmal leicht. Denn wir alle wissen ja, dass unsere Persönlichkeit im Erwachsenenalter sehr stabil und kaum zu ändern ist. Damit ist der Zug also abgefahren? Das ist vielleicht bequem - aber völliger Quatsch.

Wir sind natürlich stark geprägt von unseren bisherigen Erfahrungen. Und wenn wir immer und immer wieder den Schluss gezogen haben, dass wir hilflos und unfähig sind, hat sich diese "Erkenntnis" wahrscheinlich ziemlich tief eingebrannt. Wir haben sie zum Teil unseres Selbstverständnisses gemacht. Aber sind wir deshalb tatsächlich hilflos und unfähig?

Traumatische Erfahrungen können uns tatsächlich so sehr prägen, dass wir kaum gegen sie handeln und denken können. Aber fast niemand, der sich auf sein mieses Selbstbewusstsein beruft, ist traumatisiert! Es ist eher gewohnt, so zu denken und zu fühlen. Gewohnheiten können natürlich sehr mächtig sein - aber wir können sie ändern.

Wenn mir ein "Mensch ohne Selbstbewusstsein" gegenüber sitzt, frage ich ihn meistens, was er wirklich über sich selbst denkt. Dann kommt zuerst gewohnte Lied, wie klein und unfähig und was-auch-immer er doch ist. Aber ich hake nach: Wie hilflos / klein / was-auch-immer schätzen Sie sich in diesem Moment auf einer Skala von 0 bis 10 ein? Und siehe da: Fast immer liegt die Selbsteinschätzung jetzt im mittleren Bereich.

Denn in dieser Situation gebe ich mich nicht mit eingeschliffenen Glaubenssätzen zufrieden, sondern frage nach Überzeugungen. Mich interessiert nicht, was jemand glaubt, sondern was er denkt. Und wenn wir uns trauen, unser Hirn einzuschalten, kommen wir immer zu ganz anderen Schlüssen. Und zu einem viel differenzierteren Selbstverständnis.

Mir geht es darum, Menschen aus einem Teufelskreis herauszuholen: Wenn jemand nämlich gewohnheitsmäßig schlecht von sich denkt, verhält er sich entsprechend - passiv, entschuldigend, von sich ablenkend. Die Konsequenz ist, dass er einerseits kaum Erfolgserlebnisse verbucht. Und dass er andererseits von anderen Menschen entsprechend behandelt wird - also übersehen, übergangen und vielleicht bemitleidet. Das wiederum bestätigt und stabilisiert sein negatives Selbstbild. Klingt nicht gut, oder?

Wir tun Menschen, die sich so negativ verkaufen, übrigens keinen Gefallen, wenn wir uns Mühe geben, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Aber Du bist doch kompetent und gut aussehend und so nett und... Das führt vielleicht kurzzeitig zu einem guten Gefühl. Aber es ändert nichts. Therapeutisch klüger ist es, diesen Menschen mit seinen Glaubenssätzen zu konfrontieren. Denkst Du das wirklich?

Perfektionismus

Perfektionismus

Vielen Menschen ist bewusst, dass sie einen Hang zum Perfektionismus haben. Sie leiden unter ihrem viel zu hohen Anspruch an sich selbst, im Job, aber auch im Privatleben. Ständig spüren sie den inneren Druck, etwas noch besser machen zu müssen - und die Befürchtung, nicht gut genug zu sein. Ich erlebe allerdings häufig, wie jemand zwar unter seinem Perfektionismus leidet, aber gleichzeitig glaubt, dass der auch seine guten Seiten hat. Schließlich würde man durch ihn ja zu besseren Leistungen angehalten. Ja, ich bin ein Perfektionist - das hilft mir, einen guten Job zu machen und Anerkennung zu bekommen.

Perfektionismus und Qualitätsbewusstsein - sind das wirklich zwei Seiten derselben Medaille? Braucht Qualität eine perfektionistische Haltung? Und ist Perfektionismus wirklich ein guter Weg zu Erfolg und Anerkennung? Nein! Hier werden zwei Dinge miteinander vermischt, die nicht zusammengehören sollten.

Klar, wenn ich immer mindestens 100 Prozent für jede Aufgabe investiere, werde ich wohl gute Ergebnisse erzielen. Und wenn ich mich in jedem Lebensbereich sehr anstrenge und stets viel höhere Maßstäbe an mich als an andere anlege, werde ich vielleicht dafür gelobt und womöglich respektiert. Die Wahrscheinlichkeit, mit dieser Strategie wirklich erfolgreich zu sein, ist allerdings nicht sehr hoch. Denn man braucht ja mehr Zeit und Aufmerksamkeit für jede Aufgabe. Dies kompensieren Perfektionisten, indem sie sich mehr engagieren und einfach länger arbeiten als andere. Bis zu einer gewissen Grenze haben sie damit Erfolg. Aber ab einem bestimmten Level funktioniert dies nicht mehr - ganz einfach, weil der Tag nur 24 Stunden hat und jeder Mensch irgendwann erschöpft ist.

Spätestens wenn so eine Grenze erreicht ist, gerät der Perfektionist gewaltig unter Druck, manchmal in Panik. Ich muss doch! kollidiert mit der Einsicht Ich kann aber nicht mehr. Dann sucht mancher die Unterstützung eines Coaches. Um die eigenen Ansprüche infrage zu stellen? Nein, meistens um Wege aufgezeigt zu bekommen, noch mehr zu leisten und dem eigenen Anspruch weiterhin gerecht zu werden.

Oft nehmen Perfektionisten übrigens gar nicht wahr, dass es ihr eigener Anspruch ist, der sie antreibt. Viele projizieren ihren Anspruch auf andere Menschen und sind fest davon überzeugt, der Chef, die Kollegen, Freunde oder die Familie würden so hohe Erwartungen an sie haben.

Perfektionismus ist niemals gesund und hilfreich! Er ist niemals ein guter Motivator und ganz sicher keine vernünftige Strategie.

Der Impuls, etwas gut zu machen, überdurchschnittlich zu sein und sich richtig reinzuhängen, sollte immer auf einer bewussten Entscheidung basieren. Erfolgreich sein zu wollen und etwas auf hohem Niveau zu leisten, ist völlig okay - wenn es auf der inneren Freiheit beruht, sich zu entscheiden, wie gut man sein und was genau man erreichen möchte. Als erwachsene Menschen dürfen wir auch bestimmen, uns auszubeuten. Wenn wir das wollen.

Ein Perfektionist will nicht, er muss. Sein Handeln und Denken beruhen nicht auf erwachsenen Überzeugungen und Wünschen. Sondern auf dem inneren Zwang, perfekt zu sein. Und was zwingt ihn? Fast immer stecken Ängste dahinter: abgelehnt, kritisiert oder gar ausgelacht zu werden. Von anderen Menschen und womöglich auch vom eigenen inneren Kritiker, der so erbarmungslos mit uns umgeht. Oft ist Perfektionisten gar nicht bewusst, was sie eigentlich befürchten, wenn sie nicht mindestens 100 Prozent erreichen. Das geht nicht, das darf ich nicht, das hat schlimme Konsequenzen sind Antworten, die ich häufig höre, wenn ich nachfrage. Oder jemand behauptet, eben ein sehr qualitätsbewusster Mensch zu sein.

Wäre er aber lediglich "qualitätsbewusst", hätte er eine Wahl. Er könnte sich entscheiden, an einer Stelle 95 Prozent erreichen zu wollen und dafür an anderer 60. Er könnte unterscheiden, wo ihm, seinem Arbeitgeber oder dem Kunden ein hoher Einsatz hilft - und wo nicht. Und er wäre in der Lage, sorgsam mit seinen Ressourcen umzugehen, denn er hat die Interessen anderer genauso im Blick wie seine eigenen und die seines Körpers und seiner Psyche.

Die Angst zu versagen und bestraft zu werden ist - auch wenn wir sie alle gut kennen - eine kindliche Angst. Denn sobald wir mit etwas Abstand und differenziert die möglichen Konsequenzen unseres (Nicht-)Tuns bedenken, kommen wir fast immer zu dem Ergebnis, dass uns nichts Schlimmes geschehen kann. Man wird uns nicht auslachen. Und selbst wenn unsere Leistung mal nicht so toll ist und wir Kritik dafür ernten: Ganz sicher wird uns keiner verdammen und verurteilen.

Kindliche Ängste und Sichtweisen erkennen wir daran, dass sie schwarz-weiß sind und keine Zwischentöne kennen. Der Perfektionist strebt ja kein definiertes Ziel an, denkt nicht, er wolle zum Beispiel 98 Prozent erreichen. Sondern er glaubt, er müsse perfekt sein und sich immer noch mehr anstrengen. Stets sitzt ihm seine Befürchtung im Nacken, nicht gut genug zu sein. So schwarz-weiß und undifferenziert denken wir als Erwachsene gewöhnlich nicht, oder?

Perfektionismus ist daher immer problematisch. Wenn wir uns von ihm steuern lassen, verhalten wir uns weder erwachsen noch professionell.


Vom falschen Charme des alten Wegs

Sich beruflich neu zu orientieren, ist eine komplexe Angelegenheit. Vor allem für jemanden, der seinen Job satt hat und entschlossen ist, in Zukunft etwas ganz anderes zu tun. Glücklich die Neuorientierer, die dabei ein klares Ziel vor Augen haben. Wer aber noch nicht weiß, wie seine Alternativen aussehen könnten, hat eine spannende, allerdings auch schwierige Zeit vor sich. Denn bekanntlich sind Weg-von-Ziele (nämlich weg vom jetzigen Job) deutlich einfacher zu finden als Hin-zu-Ziele.

Vor allem für Menschen, die sich schon lange nicht mehr – oder gar noch nie – ernsthaft gefragt haben, was sie denn mit dem Rest ihres Berufslebens anfangen möchten, wo die Reise hingehen soll und welche Tätigkeit sie zufrieden machen und vielleicht sogar erfüllen könnte. Wünsche, Impulse und neue Jobideen sind wie Pflänzchen, die noch im Boden stecken und ihre Zeit brauchen, um herauszukommen. Wunsch-Coming-out sozusagen – aus dem Unbewussten ins Bewusste.

Was diesen Prozess erleichtert, habe ich ja hier und in meinen Büchern schon ausführlich beschrieben: vor allem Geduld und die Entschlossenheit, sowohl die eigenen Fragen ernst zu nehmen als auch die Antworten, die sich irgendwann ganz bestimmt melden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Denn um am Ende eine kluge Entscheidung treffen zu können, bedarf es konkreter und gut durchdachter Alternativen. Doch um diese zu entwickeln, müssen wir uns vorher mit vielen, auch scheinbar untauglichen oder gar verrückten Ideen auseinandersetzen – schließlich kommen einem die richtig guten Ideen oft erst einmal unrealistisch und versponnen vor. Da muss der Neuorientierer durch.

Dummerweise ist es sehr menschlich, Ambivalenz und Unsicherheit schwer aushalten zu können. Ängste melden sich zu Wort und verlangen von uns, sofort irgendeine Entscheidung zu treffen, um die Hängepartie zu beenden. Ich erlebe es im Coaching mit Neuorientierern nicht selten: Eben waren wir uns noch einig, dass sie oder er sich ausreichend Zeit nimmt, um Jobideen in Ruhe zu entwickeln. Aber nach einer Woche stellt sich schon Unruhe ein. Es muss doch endlich was geschehen. Ich kann doch nicht monatelang NICHTS tun! 

Und dann startet oft hektischer Aktivismus: Es werden Jobbörsen gescannt und Headhunter kontaktiert – vielleicht sogar Bewerbungen geschrieben und alles daran gesetzt, ganz schnell einen Job zu finden. Aber eben keinen wirklich neuen. Denn Alternativen sind ja noch gar nicht entwickelt und bekannt. Also setzt man in Ermangelung eines neues Pferdes konsequent auf das bekannte tote.

Ein sicheres Zeichen, dass Ängste und innere Widerstände gerade die Führung übernommen haben. Der langgehegte Wunsch nach beruflichem Neuland? Ist schnell wieder zu den Akten gelegt. Wo Angst regiert, haben Selbstverwirklichung und Lebensqualität es schwer. Um vor sich selbst nicht allzu blöd dazustehen, neigen wir dann dazu, uns unser – völlig irrationales – Handeln irgendwie schön und klug zu reden. Wenn wir das durchziehen, haben wir vielleicht demnächst tatsächlich einen neuen alten Job – der sich überraschend nach kurzer Zeit wieder als totes Pferd entpuppt…

Ausgetretene Pfade, die uns bisher nicht zum Ziel brachten, können plötzlich wieder sehr attraktiv erscheinen, wenn unsere Füße nur kalt genug sind. Mein Tipp: Im Prozess der beruflichen Neuorientierung ist plötzlich auftretender Aktionismus immer ein Warnsignal. Und um nicht in Versuchung zu geraten, sollte man Stellenbörsen meiden, solange man noch keine Ahnung hat, wohin die Reise gehen soll.

“Es ist ein Märchen, dass irgendwann der Traumjob auftaucht”

Aus Der Bund – Beruf + Berufung von Mathias Morgenthaler

Viele Berufstätige sind unzufrieden mit ihrer Arbeit, verharren aber trotzdem im Job.. Karrierecoach Tom Diesbrock erläutert, warum wir lieber an einem bekannten Unglück festhalten als etwas Neues zu wagen. Veränderungswilligen rät er, nicht auf Experten oder Stellenbörsen zu vertrauen, sondern sich systematisch mit den eigenen Neigungen und Bedenken auseinanderzusetzen.

Herr Diesbrock, Sie haben ein Buch geschrieben, das als Selbstcoaching-Programm für die berufliche Neuorientierung dienen soll. Haben Sie beruflich immer schon das gemacht, was Ihnen am Herzen lag?

TOM DIESBROCK: Nein, ganz und gar nicht. Ich tauge weder als Held noch als strahlendes Vorbild, aber es müssen ja nicht alle die gleichen Fehler machen wie ich. Konkret war es so, dass ich nach dem Abitur keine Ahnung hatte, was ich wollte – und mir auch nicht die Zeit nahm, es herauszufinden. (weiter)

Wie geht berufliche Neuorientierung?

Wer ein brennendes Haus verlassen will, dem ist es ziemlich schnuppe, in welche Richtung er flieht. Wer in seinem Job schon lange unglücklich ist, weiß, dass er weg will – aber noch lange nicht wohin. Das „Weg-von“ ist eben immer leichter als das „Hin-zu“. Logisch. Das liegt an den vielen möglichen Richtungen und an diversen Hindernissen. Aber mindestens genauso sehr steht dem Neuorientierer seine eigene Psyche im Weg.

Das beginnt schon damit, welche Ansprüche man an den Neustart hat: Mancher meint, dass Neuorientierung immer der ganz große Wurf sein muss. Wenn man auch bisher die Karriere-Navigation mehr oder weniger dem Zufall oder dem Prinzip des kleinsten Widerstands überließ, hat es jetzt gefälligst Traumjob und Berufung zu sein. Kleiner geht nicht. Schließlich kennt ja jeder jemanden, der schon in der Schule genau wusste, was er beruflich wollte und dies – wahrscheinlich erfolgreich und glücklich – seitdem tut. Jetzt will man auch so einen Job mit Flow und leidenschaftlichen Gefühlen! Und möglichst bald, natürlich.

Nichts gegen große Ziele – aber wer plötzlich die Messlatte so hoch hängt, wird sich höchstwahrscheinlich gar nicht bewegen und bleiben, wo er ist. Schade, denn auch ein kleiner Schritt in die richtige Richtung ist eine gelungene Neuorientierung! Dem einen reicht nämlich erst einmal ein wenig Job-Tuning: ein etwas verändertes Tätigkeitsprofil, der Wechsel in eine andere Abteilung oder der gleiche Job in einem anderen Unternehmen oder einer interessanteren Branche. Manchmal erlauben eben auch die Lebensumstände gerade keine größeren Sprünge. Aber wer einmal aus eigener Kraft den Wechsel geschafft hat, wird sich später auch einen größeren Sprung zutrauen.

Natürlich klingt es verheißungsvoll und aufregend, wenn uns Ratgeber verkaufen wollen, dass doch jeder alles erreichen könne, wenn er es nur wirklich wolle. Nur, an dem „Wirklich-wollen“ scheitern die meisten von uns, weil neben dem Wollen unsere Ängste und inneren Widerstände sitzen. Und die reagieren panisch, wenn es um große Veränderungen geht, und sorgen ganz bestimmt dafür, dass am Ende die Blockade steht – und nicht der Traumjob.

Braucht jeder Neuorientierer einen Coach? Ganz auf sich selbst gestellt sind größere Veränderungen schwer zu machen. Aber oft können Freunde und Familie genug Unterstützung und Rückhalt geben. Wichtig ist nur, dass man sich Menschen als Unterstützer aussucht, die Mut machen und zum Denken anregen – und nicht die Sache noch mit ihren eigenen Ängsten und mentalen Verengungen erschweren! „Schuster bleib bei deinem Leisten,“ muss uns keiner sagen.

Ein professioneller Begleiter kann helfen, wenn jemand zu blockiert ist, um aus eigener Kraft auf neue Job-Ideen zu kommen. Oder wenn zwar viel guter Wille und tolle Ideen da sind – aber jemand von Ängsten und inneren Konflikten daran gehindert wird, sich auch auf den Weg zu machen. Nicht selten erscheinen destruktive Glaubenssätze wie „Das geht doch nicht“ oder „Dafür bin ich nicht gut / jung / intelligent / … genug.“ wie unüberwindbare Hindernisse.

Der größte Feind der Neuorientierung sind aber nicht ungünstige Umstände, sondern innere Widerstände.

Wenn die Frage ein Teil des Problems ist

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Stock.XCHNG

 

Mails wie diese bekomme ich ziemlich häufig: Jemand beschreibt mir seinen bisherigen beruflichen Weg und wie er sich jetzt in einer Sackgasse sieht, weil ihm überhaupt nicht gefällt und entspricht, was er täglich tut. Die Verzweilfung ist verständlicherweise groß, wenn man gleichzeitig nicht weiß, was man denn tun möchte. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass Interessen und eigene Vorstellungen von einem glücklichen Leben bisher keine große Geige spielten. Entscheidungen für Ausbildung, Studium und Jobs waren eher von vermeintlicher Vernunft geprägt – was der Arbeitsmarkt angeblich braucht und will, was sicher erscheint und gut bezahlt wird.  „Wenn die Frage ein Teil des Problems ist“ weiterlesen

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 3: Planung und Struktur

Tom Diesbrock Zeitmanagement

Als unser eigener Job-Entwickler sorgen wir also dafür, mit kreativen Blick über den Tellerrand neue und gute Ideen für unsere zukünftige Tätigkeit zu entwickeln. Mit dem Hut des Selbst-Managers auf dem Kopf kümmern wir uns darum, motiviert und mit Energie bei der Sache zu sein und mentale Blockaden aus dem Weg zu räumen.

Ich treffe immer wieder Menschen, die ihre berufliche Neuorientierung zwar mit Volldampf, hochmotiviert und sehr kreativ betreiben – aber trotzdem nicht zum Ziel kommen. Obwohl sie viele großartige Ideen haben, was sie alles tun könnten und möchten, werden daraus nie Job-Projekte – also definierte und von allen Seiten durchdachte Alternativen, die prägnant (siehe dazu den 1. Teil) genug sind, um eine Entscheidung zu treffen.  „Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 3: Planung und Struktur“ weiterlesen

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 2: Selbst-Management

Tom Diesbrock Selbstmanagement

Beim Lesen der ersten beiden Teile konnten einige von Ihnen wahrscheinlich einen Seufzer nicht unterdrücken, der so etwas sagen wollte wie „Wenn es doch so einfach wäre!“.

Ein definiertes Projekt, ein guter Plan und Methoden der kreativen Ideenfindung – würde das ausreichen für den beruflichen Umstieg, würden wohl viel weniger Menschen an einem frustrierenden Job kleben. Und den meisten würde ein Ratgeber ausreichen, der seine Leser mit ein paar guten Rezepten auf die Spur bringt. An solchen Ratgebern und Rezepten herrscht wohl auch kein Mangel; nur bleibt die erfreuliche Wirkung meistens aus. „Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 2: Selbst-Management“ weiterlesen

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 1: Der Entwicklungsprozess

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Ich habe einige Ideen, was ich beruflich machen könnte. Es würde mir bestimmt liegen, mit Menschen zu arbeiten, gern im sozialen Bereich. Ich kann mir auch vorstellen, in einem großen internationalen Unternehmen angestellt zu sein – vielleicht im Marketing oder auch im PR-Bereich. Oder ich mache mich mit irgendwas selbstständig – das wäre auch möglich. Ich KANN mich nur einfach nicht entscheiden – Entscheidungsfreudigkeit ist nicht gerade meine größte Stärke. Aber ich will endlich etwas anderes tun, deshalb muss sofort eine Entscheidung her.“

So eine Problembeschreibung höre ich mindestens einmal in der Woche. Jemand hat schon eine Weile gegrübelt und einige ungefähre Vorstellungen davon, was er beruflich machen könnte. Und jetzt meint er, sich entscheiden zu müssen. Dabei sieht er aber nicht, dass eine halbwegs vernünftige Entscheidung auf dieser Grundlage überhaupt nicht möglich ist. „Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 1: Der Entwicklungsprozess“ weiterlesen