Perfektionismus

Perfektionismus

Perfektionismus

Vielen Menschen ist bewusst, dass sie einen Hang zum Perfektionismus haben. Sie leiden unter ihrem viel zu hohen Anspruch an sich selbst, im Job, aber auch im Privatleben. Ständig spüren sie den inneren Druck, etwas noch besser machen zu müssen - und die Befürchtung, nicht gut genug zu sein. Ich erlebe allerdings häufig, wie jemand zwar unter seinem Perfektionismus leidet, aber gleichzeitig glaubt, dass der auch seine guten Seiten hat. Schließlich würde man durch ihn ja zu besseren Leistungen angehalten. Ja, ich bin ein Perfektionist - das hilft mir, einen guten Job zu machen und Anerkennung zu bekommen.

Perfektionismus und Qualitätsbewusstsein - sind das wirklich zwei Seiten derselben Medaille? Braucht Qualität eine perfektionistische Haltung? Und ist Perfektionismus wirklich ein guter Weg zu Erfolg und Anerkennung? Nein! Hier werden zwei Dinge miteinander vermischt, die nicht zusammengehören sollten.

Klar, wenn ich immer mindestens 100 Prozent für jede Aufgabe investiere, werde ich wohl gute Ergebnisse erzielen. Und wenn ich mich in jedem Lebensbereich sehr anstrenge und stets viel höhere Maßstäbe an mich als an andere anlege, werde ich vielleicht dafür gelobt und womöglich respektiert. Die Wahrscheinlichkeit, mit dieser Strategie wirklich erfolgreich zu sein, ist allerdings nicht sehr hoch. Denn man braucht ja mehr Zeit und Aufmerksamkeit für jede Aufgabe. Dies kompensieren Perfektionisten, indem sie sich mehr engagieren und einfach länger arbeiten als andere. Bis zu einer gewissen Grenze haben sie damit Erfolg. Aber ab einem bestimmten Level funktioniert dies nicht mehr - ganz einfach, weil der Tag nur 24 Stunden hat und jeder Mensch irgendwann erschöpft ist.

Spätestens wenn so eine Grenze erreicht ist, gerät der Perfektionist gewaltig unter Druck, manchmal in Panik. Ich muss doch! kollidiert mit der Einsicht Ich kann aber nicht mehr. Dann sucht mancher die Unterstützung eines Coaches. Um die eigenen Ansprüche infrage zu stellen? Nein, meistens um Wege aufgezeigt zu bekommen, noch mehr zu leisten und dem eigenen Anspruch weiterhin gerecht zu werden.

Oft nehmen Perfektionisten übrigens gar nicht wahr, dass es ihr eigener Anspruch ist, der sie antreibt. Viele projizieren ihren Anspruch auf andere Menschen und sind fest davon überzeugt, der Chef, die Kollegen, Freunde oder die Familie würden so hohe Erwartungen an sie haben.

Perfektionismus ist niemals gesund und hilfreich! Er ist niemals ein guter Motivator und ganz sicher keine vernünftige Strategie.

Der Impuls, etwas gut zu machen, überdurchschnittlich zu sein und sich richtig reinzuhängen, sollte immer auf einer bewussten Entscheidung basieren. Erfolgreich sein zu wollen und etwas auf hohem Niveau zu leisten, ist völlig okay - wenn es auf der inneren Freiheit beruht, sich zu entscheiden, wie gut man sein und was genau man erreichen möchte. Als erwachsene Menschen dürfen wir auch bestimmen, uns auszubeuten. Wenn wir das wollen.

Ein Perfektionist will nicht, er muss. Sein Handeln und Denken beruhen nicht auf erwachsenen Überzeugungen und Wünschen. Sondern auf dem inneren Zwang, perfekt zu sein. Und was zwingt ihn? Fast immer stecken Ängste dahinter: abgelehnt, kritisiert oder gar ausgelacht zu werden. Von anderen Menschen und womöglich auch vom eigenen inneren Kritiker, der so erbarmungslos mit uns umgeht. Oft ist Perfektionisten gar nicht bewusst, was sie eigentlich befürchten, wenn sie nicht mindestens 100 Prozent erreichen. Das geht nicht, das darf ich nicht, das hat schlimme Konsequenzen sind Antworten, die ich häufig höre, wenn ich nachfrage. Oder jemand behauptet, eben ein sehr qualitätsbewusster Mensch zu sein.

Wäre er aber lediglich "qualitätsbewusst", hätte er eine Wahl. Er könnte sich entscheiden, an einer Stelle 95 Prozent erreichen zu wollen und dafür an anderer 60. Er könnte unterscheiden, wo ihm, seinem Arbeitgeber oder dem Kunden ein hoher Einsatz hilft - und wo nicht. Und er wäre in der Lage, sorgsam mit seinen Ressourcen umzugehen, denn er hat die Interessen anderer genauso im Blick wie seine eigenen und die seines Körpers und seiner Psyche.

Die Angst zu versagen und bestraft zu werden ist - auch wenn wir sie alle gut kennen - eine kindliche Angst. Denn sobald wir mit etwas Abstand und differenziert die möglichen Konsequenzen unseres (Nicht-)Tuns bedenken, kommen wir fast immer zu dem Ergebnis, dass uns nichts Schlimmes geschehen kann. Man wird uns nicht auslachen. Und selbst wenn unsere Leistung mal nicht so toll ist und wir Kritik dafür ernten: Ganz sicher wird uns keiner verdammen und verurteilen.

Kindliche Ängste und Sichtweisen erkennen wir daran, dass sie schwarz-weiß sind und keine Zwischentöne kennen. Der Perfektionist strebt ja kein definiertes Ziel an, denkt nicht, er wolle zum Beispiel 98 Prozent erreichen. Sondern er glaubt, er müsse perfekt sein und sich immer noch mehr anstrengen. Stets sitzt ihm seine Befürchtung im Nacken, nicht gut genug zu sein. So schwarz-weiß und undifferenziert denken wir als Erwachsene gewöhnlich nicht, oder?

Perfektionismus ist daher immer problematisch. Wenn wir uns von ihm steuern lassen, verhalten wir uns weder erwachsen noch professionell.

Vom falschen Charme des alten Wegs

Vom falschen Charme des alten Wegs

Sich beruflich neu zu orientieren, ist eine komplexe Angelegenheit. Vor allem für jemanden, der seinen Job satt hat und entschlossen ist, in Zukunft etwas ganz anderes zu tun. Glücklich die Neuorientierer, die dabei ein klares Ziel vor Augen haben. Wer aber noch nicht weiß, wie seine Alternativen aussehen könnten, hat eine spannende, allerdings auch schwierige Zeit vor sich. Denn bekanntlich sind Weg-von-Ziele (nämlich weg vom jetzigen Job) deutlich einfacher zu finden als Hin-zu-Ziele.

Vor allem für Menschen, die sich schon lange nicht mehr - oder gar noch nie - ernsthaft gefragt haben, was sie denn mit dem Rest ihres Berufslebens anfangen möchten, wo die Reise hingehen soll und welche Tätigkeit sie zufrieden machen und vielleicht sogar erfüllen könnte. Wünsche, Impulse und neue Jobideen sind wie Pflänzchen, die noch im Boden stecken und ihre Zeit brauchen, um herauszukommen. Wunsch-Coming-out sozusagen - aus dem Unbewussten ins Bewusste.

Was diesen Prozess erleichtert, habe ich ja hier und in meinen Büchern schon ausführlich beschrieben: vor allem Geduld und die Entschlossenheit, sowohl die eigenen Fragen ernst zu nehmen als auch die Antworten, die sich irgendwann ganz bestimmt melden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Denn um am Ende eine kluge Entscheidung treffen zu können, bedarf es konkreter und gut durchdachter Alternativen. Doch um diese zu entwickeln, müssen wir uns vorher mit vielen, auch scheinbar untauglichen oder gar verrückten Ideen auseinandersetzen - schließlich kommen einem die richtig guten Ideen oft erst einmal unrealistisch und versponnen vor. Da muss der Neuorientierer durch.

Dummerweise ist es sehr menschlich, Ambivalenz und Unsicherheit schwer aushalten zu können. Ängste melden sich zu Wort und verlangen von uns, sofort irgendeine Entscheidung zu treffen, um die Hängepartie zu beenden. Ich erlebe es im Coaching mit Neuorientierern nicht selten: Eben waren wir uns noch einig, dass sie oder er sich ausreichend Zeit nimmt, um Jobideen in Ruhe zu entwickeln. Aber nach einer Woche stellt sich schon Unruhe ein. Es muss doch endlich was geschehen. Ich kann doch nicht monatelang NICHTS tun!

Und dann startet oft hektischer Aktivismus: Es werden Jobbörsen gescannt und Headhunter kontaktiert - vielleicht sogar Bewerbungen geschrieben und alles daran gesetzt, ganz schnell einen Job zu finden. Aber eben keinen wirklich neuen. Denn Alternativen sind ja noch gar nicht entwickelt und bekannt. Also setzt man in Ermangelung eines neues Pferdes konsequent auf das bekannte tote.

Ein sicheres Zeichen, dass Ängste und innere Widerstände gerade die Führung übernommen haben. Der langgehegte Wunsch nach beruflichem Neuland? Ist schnell wieder zu den Akten gelegt. Wo Angst regiert, haben Selbstverwirklichung und Lebensqualität es schwer. Um vor sich selbst nicht allzu blöd dazustehen, neigen wir dann dazu, uns unser - völlig irrationales - Handeln irgendwie schön und klug zu reden. Wenn wir das durchziehen, haben wir vielleicht demnächst tatsächlich einen neuen alten Job - der sich überraschend nach kurzer Zeit wieder als totes Pferd entpuppt...

Ausgetretene Pfade, die uns bisher nicht zum Ziel brachten, können plötzlich wieder sehr attraktiv erscheinen, wenn unsere Füße nur kalt genug sind. Mein Tipp: Im Prozess der beruflichen Neuorientierung ist plötzlich auftretender Aktionismus immer ein Warnsignal. Und um nicht in Versuchung zu geraten, sollte man Stellenbörsen meiden, solange man noch keine Ahnung hat, wohin die Reise gehen soll.

Wie geht berufliche Neuorientierung?

Wie geht berufliche Neuorientierung?

Wer ein brennendes Haus verlassen will, dem ist es ziemlich schnuppe, in welche Richtung er flieht. Wer in seinem Job schon lange unglücklich ist, weiß, dass er weg will – aber noch lange nicht wohin. Das „Weg-von“ ist eben immer leichter als das „Hin-zu“. Logisch. Das liegt an den vielen möglichen Richtungen und an diversen Hindernissen. Aber mindestens genauso sehr steht dem Neuorientierer seine eigene Psyche im Weg.

Das beginnt schon damit, welche Ansprüche man an den Neustart hat: Mancher meint, dass Neuorientierung immer der ganz große Wurf sein muss. Wenn man auch bisher die Karriere-Navigation mehr oder weniger dem Zufall oder dem Prinzip des kleinsten Widerstands überließ, hat es jetzt gefälligst Traumjob und Berufung zu sein. Kleiner geht nicht. Schließlich kennt ja jeder jemanden, der schon in der Schule genau wusste, was er beruflich wollte und dies – wahrscheinlich erfolgreich und glücklich – seitdem tut. Jetzt will man auch so einen Job mit Flow und leidenschaftlichen Gefühlen! Und möglichst bald, natürlich.

Nichts gegen große Ziele – aber wer plötzlich die Messlatte so hoch hängt, wird sich höchstwahrscheinlich gar nicht bewegen und bleiben, wo er ist. Schade, denn auch ein kleiner Schritt in die richtige Richtung ist eine gelungene Neuorientierung! Dem einen reicht nämlich erst einmal ein wenig Job-Tuning: ein etwas verändertes Tätigkeitsprofil, der Wechsel in eine andere Abteilung oder der gleiche Job in einem anderen Unternehmen oder einer interessanteren Branche. Manchmal erlauben eben auch die Lebensumstände gerade keine größeren Sprünge. Aber wer einmal aus eigener Kraft den Wechsel geschafft hat, wird sich später auch einen größeren Sprung zutrauen.

Natürlich klingt es verheißungsvoll und aufregend, wenn uns Ratgeber verkaufen wollen, dass doch jeder alles erreichen könne, wenn er es nur wirklich wolle. Nur, an dem „Wirklich-wollen“ scheitern die meisten von uns, weil neben dem Wollen unsere Ängste und inneren Widerstände sitzen. Und die reagieren panisch, wenn es um große Veränderungen geht, und sorgen ganz bestimmt dafür, dass am Ende die Blockade steht – und nicht der Traumjob.

Braucht jeder Neuorientierer einen Coach? Ganz auf sich selbst gestellt sind größere Veränderungen schwer zu machen. Aber oft können Freunde und Familie genug Unterstützung und Rückhalt geben. Wichtig ist nur, dass man sich Menschen als Unterstützer aussucht, die Mut machen und zum Denken anregen – und nicht die Sache noch mit ihren eigenen Ängsten und mentalen Verengungen erschweren! „Schuster bleib bei deinem Leisten,“ muss uns keiner sagen.

Ein professioneller Begleiter kann helfen, wenn jemand zu blockiert ist, um aus eigener Kraft auf neue Job-Ideen zu kommen. Oder wenn zwar viel guter Wille und tolle Ideen da sind – aber jemand von Ängsten und inneren Konflikten daran gehindert wird, sich auch auf den Weg zu machen. Nicht selten erscheinen destruktive Glaubenssätze wie „Das geht doch nicht“ oder „Dafür bin ich nicht gut / jung / intelligent / … genug.“ wie unüberwindbare Hindernisse.

Der größte Feind der Neuorientierung sind aber nicht ungünstige Umstände, sondern innere Widerstände.

Wenn die Frage ein Teil des Problems ist

Wenn die Frage ein Teil des Problems ist

Mails wie diese bekomme ich ziemlich häufig: Jemand beschreibt mir seinen bisherigen beruflichen Weg und wie er sich jetzt in einer Sackgasse sieht, weil ihm überhaupt nicht gefällt und entspricht, was er täglich tut. Die Verzweilfung ist verständlicherweise groß, wenn man gleichzeitig nicht weiß, wasman denn tun möchte. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass Interessen und eigene Vorstellungen von einem glücklichen Leben bisher keine große Geige spielten. Entscheidungen für Ausbildung, Studium und Jobs waren eher von vermeintlicher Vernunft geprägt – was der Arbeitsmarkt angeblich braucht und will, was sicher erscheint und gut bezahlt wird. 

Dann steht der eine mit Ende zwanzig, der andere mit Anfang vierzig da und weiß nicht weiter. Und mancher schreibt mir und fragt mich, ob ich nicht ein paar Tipps für sie habe, ihnen sagen kann, was sie nun am besten tun sollten.

Ich kann so eine Bitte um Hilfe gut verstehen und finde sie völlig okay. Gleichzeitig erstaunt es mich immer wieder, dass Menschen tatsächlich meinen, mit einigen Ratschlägen von jemandem, der sie gar nicht kennt, weiter zu kommen. So eine Frage drückt für mich viel eher das Problem aus, als dass sie auf eine Lösung zielen kann.

Lief nicht wahrscheinlich die erste berufliche Weichenstellung schon so ab: Man fragt Leute, von denen man glaubt, sie könnten einem den richtigen Weg weisen, was man am besten tun sollte? Man glaubt an objektiv richtige Karriereentscheidungen? Und man macht sich nicht auf die Suche nach eigenen Antworten – weil es unbequem ist, innere und äußere Konflikte auslösen könnte und womöglich Zeit braucht?

Schnelle Antworten führten also in den Schlamassel – und jetzt soll ich mit einer schnellen Antwort den Weg hinaus weisen? Macht keinen Sinn, oder? Ich liebe den Satz des Dalai Lamas, der einmal sagte: Der Weg zum Glück braucht Entschlossenheit, Anstrengung und Zeit“ – ich bin davon überzeugt, dass dies auch für eine kluge berufliche Orientierung gilt.

Ich kann den Menschen, die mich per Mail um Rat fragen, nur sagen: Hört auf, von angeblichen Experten einfache Antworten zu erwarten! Und wenn sie Euch jemand gibt, glaubt sie nicht!!! Hinter allem stehen doch immer die Fragen Was will ich, und was macht mich glücklich? Wie sollte Euch jemand die Suche nach einer Antwort abnehmen können?

Und egal ob jemand 25 oder 50 ist: Auch wenn man sich schon seit Jahren an diesen Fragen vorbeimogelt, ist es alles andere als klug, deshalb jetzt nach Abkürzungen und Instantlösungen zu verlangen – weil man man ja schon so viel Zeit vertrödelt hat und es deshalb jetzt ganz schnell gehen muss…

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 3: Planung und Struktur

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung:
Teil 3 - Planung und Struktur

Als unser eigener Job-Entwickler sorgen wir also dafür, mit kreativen Blick über den Tellerrand neue und gute Ideen für unsere zukünftige Tätigkeit zu entwickeln. Mit dem Hut des Selbst-Managers auf dem Kopf kümmern wir uns darum, motiviert und mit Energie bei der Sache zu sein und mentale Blockaden aus dem Weg zu räumen.

Ich treffe immer wieder Menschen, die ihre berufliche Neuorientierung zwar mit Volldampf, hochmotiviert und sehr kreativ betreiben – aber trotzdem nicht zum Ziel kommen. Obwohl sie viele großartige Ideen haben, was sie alles tun könnten und möchten, werden daraus nie Job-Projekte – also definierte und von allen Seiten durchdachte Alternativen, die prägnant (siehe dazu den 1. Teil) genug sind, um eine Entscheidung zu treffen. 

Das kann daran liegen, dass ständig neue Ideen und Aspekte in den Prozess kommen und alles durcheinanderbringen. Dann wird das Fass immer wieder aufgemacht und der Suchprozess neu gestartet. Anstatt aus einer attraktiven Job-Idee ein Job-Projekt zu machen und auszuarbeiten, taucht ein neuer Gedanke auf – „Ich könnte ja auch XY machen…“ – und wird sofort begeistert verfolgt. Die eben noch interessante Idee wird dafür einfach links liegen gelassen.
Problem: Der Prozess hat keine Struktur.

Andere Menschen stellen sich selbst ein Bein, indem sie nicht darüber nachdenken, wie viel Zeit sie sich überhaupt geben möchten bis zu ihrer Entscheidung. Manche meinen, die Sache in wenigen Wochen abgeschlossen zu haben, sind dann frustriert, weil es nicht klappt, und werfen schlimmstenfalls die Flinte ins Korn. Und andere ziehen ihre Jobsuche über viele Monate oder gar Jahre – und verlieren dabei Überblick und / oder Energie, sodass der Prozess versandet.
Problem: Kein Zeitplan.

Also: Jedes komplexere Projekt braucht klare Strukturen und einen Zeitplan!

– Bevor ich überhaupt mit der Arbeit an meiner Job-Entwicklung starte, muss ich wissen, WIE ich dabei vorgehen möchte. Mit welchen Fragen und Themen will ich beginnen? In welchen Schritten will ich mich bis zur Entscheidung vorarbeiten? In meinem Buch Jetzt mal Butter bei die Fische! empfehle ich, den Prozess in fünf Phasen einzuteilen – von der Standortbestimmung, über die Beschäftigung mit den eigenen Interessen bis zur Entscheidungsfindung.

– Zu den wichtigen Strukturen gehören auch ganz praktische Erwägungen: Mein Projekt braucht zuerst einmal einen Arbeitsplatz. Optimal ist ein Schreibtisch mit einer Pinnwand oder einem Whiteboard, wo meine Arbeits- und Brainstorming-Ergebnisse hängen und liegen können. Fehlt der Platz, ist natürlich auch ein Küchentisch okay – und eine Schrankwand oder Tür kann zur Arbeitsfläche deklariert werden. Wichtig ist, dass das, woran ich gerade arbeite, nicht immer wieder in einer Schublade verschwindet, sondern sichtbar bleiben darf, um mich jederzeit anzuregen und zu beschäftigen.

– An einem Zeitplan kommen wir nicht vorbei. Ich muss mir unbedingt überlegen, wie viel Zeit mir im Alltag für mein Projekt zur Verfügung steht. Sinnvoll ist es, wenn ich mir zwei Termine pro Woche nehme – vielleicht einen ein- bis zweistündigen am Abend eines Wochentages und einen Arbeitsblock am Wochenende. Diese Termine müssen in meinem Zeitplaner geblockt sein! Wenn jemand diese Zeiten aufbringen kann, schlage ich erst einmal pauschal drei Monate für den Prozess bis zur Entscheidung vor. Ich rate jedem Neuorientierer, schon zu Beginn den Tag der Entscheidung festzulegen. Dies ist einerseits ein wichtiger Orientierungspunkt, der dem Projekt genug Rückenwind geben soll. Und er vermindert den Druck, den sich viele Menschen machen, indem sie viel zu früh und viel zu oft von sich selbst die finale Entscheidung verlangen. Und ein Zeitplan verlangt ja nicht, dass dieser auf Biegen und Brechen eingehalten werden muss: Wenn sich herausstellt, dass mehr Zeit als veranschlagt notwendig ist, kann die Entscheidung auch darin bestehen, dafür einen neuen Termin zu setzen. Übrigens sollte mein Zeitplan natürlich gut sichtbar an meinem Arbeitsplatz hängen!

 Nicht jeder reagiert begeistert, wenn ich ihm diese „Struktur-Maßnahmen“ ans Herz lege. Mancher meint, dass Spaß und Kreativität unter solchen Plänen doch arg leiden, und würde lieber einfach loslegen und schauen, wohin der Prozess ihn bringt. Ich habe – nicht zuletzt bei mir selbst – die Erfahrung gemacht, dass durch sinnvolle Pläne und Strukturen erst der Raum geschaffen wird, um kreativ zu sein und auf neue Ideen und Lösungen zu kommen. Es gibt bestimmt Menschen, die im „kreativen Chaos“ erst so richtig aufblühen. Bei den meisten von uns dürfte ein Mangel an Strukturen und Plan aber eher Unsicherheit und damit innere Widerstände verstärken.

Ein guter Plan ist wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten und entlang bewegen kann.

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 2: Selbst-Management

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung:
Teil 2 - Selbstmanagement

Beim Lesen der ersten beiden Teile konnten einige von Ihnen wahrscheinlich einen Seufzer nicht unterdrücken, der so etwas sagen wollte wie „Wenn es doch so einfach wäre!“.

Ein definiertes Projekt, ein guter Plan und Methoden der kreativen Ideenfindung – würde das ausreichen für den beruflichen Umstieg, würden wohl viel weniger Menschen an einem frustrierenden Job kleben. Und den meisten würde ein Ratgeber ausreichen, der seine Leser mit ein paar guten Rezepten auf die Spur bringt. An solchen Ratgebern und Rezepten herrscht wohl auch kein Mangel; nur bleibt die erfreuliche Wirkung meistens aus.

Menschen, die zu mir ins Coaching kommen, weil sie ihren beruflichen Neustart endlich auf die Reihe bekommen wollen, haben in der Mehrzahl schon diverse Bücher zu Rate gezogen. Viele davon sind bestimmt kluge Anleitungen, die dabei helfen, die Tätigkeit zu finden, die zur Persönlichkeit und den Kompetenzen passt. Wenn man sie wirklich von A bis Z anwendet und den Weg bis zum Ende geht, bzw. das Buch auch wirklich durcharbeitet. Und daran scheitern anscheinend nicht gerade wenige.

Denn auch wenn ich die Veränderung noch so sehr ersehne und ich weiß, dass ich dafür die nötigen Werkzeuge verwenden und jeden Schritt auch wirklich gehen muss – das heißt noch lange nicht, dass ich dies auch tue! Nö. Sehendes Auges lasse ich Dinge lieber schleifen, erledige Arbeitsschritte nur halb oder im Kopf (obwohl ich eigentlich schriftlich arbeiten sollte) oder breche das ganze ab, bevor überhaupt Ergebnisse entstehen können. Oder ich komme tatsächlich auf gute Ideen – und bleibe lieber auf dem Sofa hängen, anstatt rauszugehen und sie umzusetzen.

Warum?

Warum boykottieren wir unseren eigenen Neuorientierungsprozess? Warum wollen wir das eine – und tun das andere? Warum reiten wir tote Pferde, obwohl wir doch wissen, dass sie als Transportmittel nicht mehr allzu viel taugen?

Hätten wir ausschließlich den Wunsch nach Veränderungen in uns, würden wir uns sofort in Bewegung setzen. Dann hätten Sie Besseres zu tun, als in diesem Blog zu lesen. Aber die meisten Menschen haben eben auch noch innere Widerstände gegen das Neue. Und die werden hauptsächlich von Ängsten gespeist. Wir haben Angst zu scheitern, ausgelacht zu werden, nicht gut genug, zu alt oder zu dumm zu sein, unsere Sicherheit zu verlieren und in der Gosse zu landen und so weiter…  Wir haben mit Selbstbildern zu kämpfen, die alles andere als strahlend sind, und viel zu wenig Zutrauen in uns selbst. Und wir glauben gern, dass es sowieso schief gehen wird – auch wenn wir sonst eher zum Optimismus neigen, können wir zu richtigen Schwarzsehern werden, wenn es um unsere eigene Zukunft geht.

All das stellt sich unserem Wunsch nach Veränderung in den Weg. Die wenigsten haben allerdings Freude daran, sich mit ihren inneren Bremsern zu beschäftigen. Viel lieber schauen wir auf unsere Sonnenseite, die jede Veränderung freudig begrüßt und toll findet. Deshalb lesen wir auch lieber Bücher, die uns einreden, dass Neuorientierung ganz leicht ist und ein Riesengaudi. Und wir wollen nur zu gern glauben, dass jeder seinen Traumjob schnell und ohne großen Aufwand findet – wenn man nur die richtige Technik benutzt.

Glauben Sie mir: Ihre inneren Widerstände backen sich ein Ei darauf, dass Sie in Ihrem Job unglücklich sind!

Sie werden nur stärker, wenn wir versuchen, sie zu ignorieren oder mit Druck gegen sie zu arbeiten. Wenn ich innerlich gespalten bin, ist dies ein innerer Konflikt. Wir wissen, dass sich Konflikte selten von allein lösen, indem wir lächelnd an ihnen vorbeisehen. Und je mehr wir versuchen, unsere Energie allein auf unsere Neuorientierung zu konzentrieren, desto eher wird das Ergebnis eine mentale Blockade sein. Die Symptome können dann Verwirrung, Zerrissenheit, emotionale Schwankungen oder Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder sogar körperliche Symptome sein.

Die Konsequenz daraus heißt für mich: Ohne ein gutes Selbst-Management, also das Einbeziehen aller Anteile, die unser Selbst ausmachen, wird die Luft für eine berufliche Neuorientierung ziemlich dünn – gerade wenn es große und nachhaltige Veränderungen sein sollen. Als psychologisch kluge Selbst-Manager sorgen wir dafür, dass wir innerlich gut aufgestellt sind für den Entwicklungsprozess (siehe Teil 1). Inneren Widerständen begegnen wir dann nicht mit Druck, Selbstbeschimpfung oder Ignorieren – sondern wir versuchen, Blockaden aufzulösen und inneren Konflikten Beachtung zu schenken.

Wenn Sie jetzt denken: „Aber das dauert dann doch viel zu lange.“ oder „Ich will einen neuen Job und nicht auf die Couch!“, haben wahrscheinlich gerade Ihre inneren Bremser die Bühne betreten.

Grüßen Sie sie ganz herzlich von mir.

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 1: Der Entwicklungsprozess

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung:
Teil 1 - der Entwicklungsprozess

Ich habe einige Ideen, was ich beruflich machen könnte. Es würde mir bestimmt liegen, mit Menschen zu arbeiten, gern im sozialen Bereich. Ich kann mir auch vorstellen, in einem großen internationalen Unternehmen angestellt zu sein – vielleicht im Marketing oder auch im PR-Bereich. Oder ich mache mich mit irgendwas selbstständig – das wäre auch möglich. Ich KANN mich nur einfach nicht entscheiden – Entscheidungsfreudigkeit ist nicht gerade meine größte Stärke. Aber ich will endlich etwas anderes tun, deshalb muss sofort eine Entscheidung her.“

So eine Problembeschreibung höre ich mindestens einmal in der Woche. Jemand hat schon eine Weile gegrübelt und einige ungefähre Vorstellungen davon, was er beruflich machen könnte. Und jetzt meint er, sich entscheiden zu müssen. Dabei sieht er aber nicht, dass eine halbwegs vernünftige Entscheidung auf dieser Grundlage überhaupt nicht möglich ist. Denn dafür benötigen wir gut durchdachte und klar definierte Alternativen (mehr dazu im Post über das „Prägnanzproblem bei Entscheidungen“): Am Tag X, an dem mein Projektplan die Entscheidung über meine berufliche Zukunft vorsieht, müssen alle möglichen beruflichen Wege so gut wie möglich geplant sein – Kosten, Risiken, Bewerbungsstrategien, notwendige Investitionen und Fortbildungen und so weiter. Wie sollte ich sonst eine GUTE Entscheidung treffen?! Logisch, oder?

Darauf zielt der Entwicklungsprozess meines Neuorientierungs-Projekts: Ich muss es schaffen, aus einigen schwammigen Vorstellungen oder Träumen und Neigungen (oder von null Ideen und einem Zustand völliger Ahnungslosigkeit) solche klaren Alternativen zu entwickeln. Das ist ein langer Weg – und ohne ein Konzept verläuft man sich schnell.

Wenn beispielsweise Autohersteller XY ein ganz neues Modell entwickeln möchte, stehen am Anfang bestimmt auch nur viele sehr ungefähre Vorstellungen. Und das ist auch gut so. Denn um auf wirklich neue Ideen zu kommen, brauchen wir vor allem eine Fähigkeit: unsere Kreativität. Und die wiederum braucht viel Raum und die Erlaubnis, in alle Richtungen denken zu dürfen. Nur wer sich traut, auch scheinbar Unsinniges und Un-Denkbares zu denken, wird am Ende mit originellen Lösungen belohnt werden. Bei der Autoentwicklung muss es in der ersten Phase erlaubt sein, auch über ein Mobil mit fünf Rädern oder einem Glasboden nachzudenken… Je größer der Fundus an – auch verrückten – Ideen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Perlen darunter sind. Im Laufe des Entwicklungsprozesses darf und muss der Trichter enger werden: Einige Optionen werden – nach reiflicher Überlegung! – verworfen, andere werden weiterentwickelt bis zu einem Prototypen.

Genauso sollte der Entwicklungsprozess der Neuorientierung verlaufen. Ich empfehle Neuorientierern, die gewillt sind, über ihren Tellerrand zu schauen, mit Ihren Interessen, Träumen und Wünschen zu beginnen und daraus alle möglichen (und unmöglichen) Job-Ideen zu erdenken. Wichtig ist, was jemand TUN möchte – nicht welches Profil am Markt gerade welche Chancen haben mag!

Aus den besten Job-Ideen werden im nächsten Schritt Job-Projekte gemacht: Das bedeutet, dass überlegt wird, wie man die Idee – lukrativ! – realisieren könnte. Die Frage ist nicht, OB man möglicherweise eine Idee umsetzen oder einen Job bekommen kann – sondern WIE man es anstellen müsste, damit es klappt. Dieser Blickwinkel zwingt uns, detaillierte Lösungen und Antworten zu finden. Und wenn die – so gut es irgend geht – gefunden sind, ist die Entscheidung sehr häufig gar nicht mehr so schwer.

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie selbstverständlich Menschen ihren beruflichen Neustart allein durch Grübeln hinbekommen wollen.

Ich bin seit Jahren unzufrieden mit meinem Jobund ich beschäftige mich schon so lange mit möglichen Alternativen. Aber ich komme einfach nicht weiter! Mir fällt nicht ein, was ich tun könnte. Oder wollte. 

Meine erste Frage ist dann meistens: Was haben Sie denn bisher getan, um auf neue Ideen zu kommen? Wie haben Sie danach gesucht? Und in den meisten Fällen lautet die verdutzte Antwort ungefähr so :

Was hätte ich denn TUN sollen? Ich habe natürlich nachgedacht! Ganze Nächte habe ich schon vergrübelt. Und natürlich rede ich ständig mit allen möglichen Leuten darüber. Glauben Sie nicht, dass ich es mir leicht mache! Aber mir kommt einfach keine gute Idee…

Diesen Ansatz finde ich eher suboptimal. Würden dieselben Menschen eine wichtige, komplexe Aufgabe im Job auf diese Weise zu bewältigen versuchen? Wenn es beispielsweise darum ginge, ein neues Produkt zu entwickeln oder komplizierte Prozesse zu optimieren – würden sie sich Tage und Wochen in ihrem Büro einschließen und ausschließlich nachdenken? Und vielleicht ab und zu mit Kollegen darüber reden? Bis vielleicht irgendwann einmal eine Lösung entsteht?

Das mag bei Wicky, dem Wikinger, funktioniert haben (Die etwas Älteren unter Ihnen werden sich an das nasereibende Gör mit den tollen Einfällen erinnern). Ansonsten ist die Vorstellung doch reichlich absurd, oder?

Viele von uns haben in irgendeiner Form im Job mit Projektarbeit zu tun. Projekte haben einen festen Zeitrahmen und bestehen aus aufeinander aufbauenden Schritten. Anfangs wird meistens versucht, möglichst breit zu denken und über den Tellerrand zu schauen – in der Schlussphase wird die beste Idee im Detail ausgearbeitet und auf den Punkt gebracht. Zwischendurch wird der Kurs gecheckt. Und außerdem ist es nicht ganz ungewöhnlich, Dinge dabei in Schrift und Bild festzuhalten.

Das ist ziemlich banal, oder?

Warum meinen so viele Neuorientierer aber, allein durch Nachdenken auf neue, großartige Ideen zu kommen? Es ist schon merkwürdig. Viele glauben dann, dass ihnen nur noch ausgefeilte und komplizierte Tools helfen können, ihren neuen Job zu finden. Oder der bohrende Psychologenblick, der sofort erkennt, wo sie am besten aufgehoben wären…

Mein schlichter Rat, der mehr mit gesundem Menschenverstand zu tun hat als mit abgefahrenen Coaching-Tools, lautet:

Betrachten Sie Ihre Suche nach beruflichem Neuland doch erst einmal als ein Entwicklungsprojekt! 

Und mit etwas Projektmanagement, ein bisschen Psychologie und einer Prise Kreativität ist das wirklich keine Geheimwissenschaft. Um die Sache zu erleichtern, habe ich die berufliche Neuorientierung (und das gilt genauso für jeden anderen komplexeren Veränderungsprozess) in drei Ebenen unterteilt – der Neuorientierer hat drei Aufgaben zu erledigen, die gleichermaßen wichtig sind und parallel ablaufen:

1. Entwicklung (von Interessen und Wünschen bis zu definierten Job-Projekten)

2. Selbst-Management (um sich von Blockaden und Ängsten nicht bremsen zu lassen)

3. Planung und Struktur (ohne die wir uns garantiert verheddern und verlaufen)

Ich werde Ihnen in den nächsten drei Teilen dieses Posts die wichtigsten Aspekte jeder dieser Ebenen erklären. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie danach sagen werden Eigentlich ganz logisch…

Paula – ein Fall von Profil-Blockade

Paula - ein Fall von Profil-Blockade

Ich traf heute eine Bekannte von mir, eine junge Frau, nennen wir sie Paula, die ich im Frühjahr auf einer Wanderung kennen gelernt hatte. Das Gespräch kam bald auf ihre berufliche Situation, die alles andere als rosig ist: Paula hat ihr Abi seit zwei Jahren in der Tasche und weiß immer noch nicht, wohin ihre berufliche Reise gehen soll. Sie hält sich mit Jobs über Wasser, wird damit aber immer unglücklicher, denn sie möchte endlich etwas tun, was sie fordert und weiterbringt.

Paula hatte sich im Sommer auf einen Studienplatz für Medizin beworben und eine Absage bekommen. Jetzt erzählte sie mir von ihren Überlegungen, vielleicht in Budapest zu studieren. Ich fragte sie (wie das so meine Art ist), was sie denn nach dem Studium genau machen möchte. Sie wolle zwar Ärztin werden, aber nicht Patienten auf Dauer betreuen, also keine zu alten Leute, Sportmedizin könne sie sich vorstellen – oder Anästhesie, denn das habe mit Technik und Biologie zu tun, was sie interessierte, und es sei nicht mit so viel Patientenkontakt verbunden… Das machte mich stutzig. In ihrer Vorstellung vom Arztberuf schienen die Menschen nicht der entscheidende Faktor zu sein. Da läge es doch näher, gleich etwas Technisches, Pharmazeutisches oder Biologisches zu studieren? Hmm, ja, da sei etwas dran.

Aber Paula könne sich auch vorstellen, Psychologie zu studieren, nur sei da blöderweise der nötige Abischnitt etwas zu hoch. Und was wolle sie damit machen? Auch darüber hatte sie sich noch nicht wirklich Gedanken gemacht. „Was mit Jugendlichen, vielleicht mit verhaltensauffälligen“. Als ich nachgebohrt und sie eine Weile überlegt hatte, entstand ein Bild davon, wie sie beispielsweise Jugendliche in Camps betreuen wollte, denen sonst eine Gefängnisstrafe drohen würde. Ob für so eine Arbeit denn Psychologie die beste Grundlage wäre? Nicht unbedingt, dahin würden wohl auch andere Wege führen.

Anders als viele Menschen, 

die ich in meiner Praxis treffe, hat Paula einige Vorstellungen davon, was sie beruflich gern machen würde. Nur sind diese noch ziemlich schwammig, weil sie sich bisher viel zu wenig mit konkreten Ideen beschäftigt hat. Warum? Weil ihr viel wichtiger erschien, was sie denn studieren sollte und an welche Studiengänge sie wo mit ihrem Notenschnitt herankommen könnte. Klar, Paula hatte auch mal mit einem Arzt über seine tägliche Arbeit gesprochen, war sogar mal einige Tage „mitgelaufen“. Danach fand sie den Beruf „ganz interessant“. Aber so interessant, dass es sich lohnte, dafür fünf Jahre zu studieren und dann mindestens noch einmal so lange eine Facharztausbildung zu machen? Und das, obwohl sie der wissenschaftlich-technische Aspekt am meisten daran interessierte?

Ich erzähle hier von Paula, weil ich diesem Phänomen häufig begegne: Menschen (nicht nur ganz junge) fokussieren auf Jobbezeichnungen oder Studiengänge, nicht aber auf interessante Tätigkeiten und Interessen, und wollen Assistent, Kontroller, Eventmanager, Arzt, et cetera werden, BWL, Jura oder Kulturwissenschaften studieren – ohne dass das jeweilige Tätigkeitsprofil ihnen wirklich entspricht. Warum? Weil jemand ihnen dazu geraten hat, es angeblich „sicher“ oder am Arbeitsmarkt besonders gefragt ist. Weil es vordergründig gut klingt, weil man damit später viele unterschiedliche Möglichkeiten hat (sich also auch erst dann festlegen muss) oder weil einem einfach nichts Besseres einfällt…

In meinen Augen ist dies eine klassische Selbst-ins-Knie-Schuss-Technik! Denn erstens steuert man womöglich einen Job an, der einem überhaupt nicht entspricht (und das passiert verdammt vielen Menschen!) – oder steht man eines Tages superqualifiziert da und ist damit gar nicht mehr gefragt.

Ich rate deshalb unschlüssigen und verunsicherten Menschen wie Paula, die Sache umgekehrt anzugehen: Erst einmal sollte man sich ein genaues Bild davon machen, was man TUN möchte – möglichst detailliert und in bunten Farben. Und daraus sollte man sich ein Tätigkeitsprofil des bestmöglichen Jobs basteln, um erst dann zu schauen, wo in der Arbeitswelt dies überall auftauchen könnte und mit welchen Voraussetzungen und auf welchen Wegen man dort hinkommen könnte.

Gar nicht so selten wird man dann feststellen, dass ein Studium gar nicht der beste und schnellste Weg ist. Es ist allerdings deutlich bequemer, nur Verzeichnisse von Studienangeboten zu scannen und sich lediglich zu fragen, was man denn studieren wolle…

Die Risiken des Bleibens

Die Risiken des Bleibens

„Auch wenn vieles dafür spricht, sich beruflich zu verändern, ist es nicht viel zu riskant, einen sicheren Job aufzugeben?“ 

Wo es um berufliche Neuorientierung geht, ist diese Frage selten weit – egal ob ich mit veränderungswilligen Menschen oder Journalisten spreche, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Dabei wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Veränderungen immer unsicherer sind als das Festhalten am Status Quo.

Diese Logik ist nicht so logisch, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheint.

Klar, berufliche Veränderungen bringen immer Risiken mit sich. Der neu eingeschlagene Weg kann sich als viel weniger attraktiv erweisen, als man es sich vorgestellt hat. Das Unternehmen oder das Team, das sich bei den Bewerbungsgesprächen als sechs Richtige im Lotto darstellte, entpuppt sich hinter den Kulissen schnell als Niete. Oder die erträumte selbstständige Existenz liegt einem viel weniger als erwartet. Kann passieren.

Aber wie sieht es denn mit den Risiken des Status Quo aus? Unser Gehirn neigt generell dazu, die Risiken des Neuen und Unbekannten zu überschätzen – und gleichzeitig zu unterschätzen, was im Vertrauten alles schief gehen kann. Mein „sicherer Job“ ist nämlich nur so lange sicher, wie seine Rahmenbedingungen unverändert bleiben. Eine schlechtere Ertragslage, die nächste Umstrukturierung oder ein neuer Kopf in der Hierarchie über mir – und schon habe ich ein Date mit der netten Outplacement-Beraterin!

Mancher meint, dass seine jahrelange Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber Schutz und Sicherheit bedeutet. Aber welches Unternehmen kann seinen Leuten denn heute noch – ehrlich – langfristige Versprechungen machen? Und wenn es tatsächlich zu Kündigungen kommt, ist es doch eine Illusion zu glauben, dass man eher an den „altgedienten“ Mitarbeitern festhält. Jemand, der seinen Job seit Ewigkeiten mehr oder weniger unverändert macht, steht selten hoch im Kurs, wenn der Wind sich dreht!

Festhalten ist heute einfach keine Option mehr. Wer aus Angst vor Risiken die Veränderung scheut, entwickelt nämlich eine wichtige Kompetenz nicht: die Fähigkeit, sich und seine Karriere selbst zu managen, sich Ziele zu stecken und seine beruflichen Entscheidungen daran zu orientieren. Wer sich neu orientiert, weil seine Ziele, Interessen und Werte dies verlangen, und damit einmal stolpert, wird ganz sicher wieder aufstehen und sich den nächsten Job suchen – weil er weiß, wie es geht, und er sich sicher ist, dass er es kann! Er entwickelt auf diese Weise – psychologisch gesehen – seine Selbstwirksamkeit. Der Risikovermeider verstärkt dagegen nur seinen Glauben, dass es nicht geht und er es nicht kann.

In dynamischen, unsicheren Zeiten ist es echt klug, schwimmen zu lernen – und nicht seine Technik des Am-Beckenrand-Festhaltens zu perfektionieren…