Wenn die Frage ein Teil des Problems ist

1418161_56445711
Stock.XCHNG

 

Mails wie diese bekomme ich ziemlich häufig: Jemand beschreibt mir seinen bisherigen beruflichen Weg und wie er sich jetzt in einer Sackgasse sieht, weil ihm überhaupt nicht gefällt und entspricht, was er täglich tut. Die Verzweilfung ist verständlicherweise groß, wenn man gleichzeitig nicht weiß, was man denn tun möchte. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass Interessen und eigene Vorstellungen von einem glücklichen Leben bisher keine große Geige spielten. Entscheidungen für Ausbildung, Studium und Jobs waren eher von vermeintlicher Vernunft geprägt – was der Arbeitsmarkt angeblich braucht und will, was sicher erscheint und gut bezahlt wird.  „Wenn die Frage ein Teil des Problems ist“ weiterlesen

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 2: Selbst-Management

Tom Diesbrock Selbstmanagement

Beim Lesen der ersten beiden Teile konnten einige von Ihnen wahrscheinlich einen Seufzer nicht unterdrücken, der so etwas sagen wollte wie „Wenn es doch so einfach wäre!“.

Ein definiertes Projekt, ein guter Plan und Methoden der kreativen Ideenfindung – würde das ausreichen für den beruflichen Umstieg, würden wohl viel weniger Menschen an einem frustrierenden Job kleben. Und den meisten würde ein Ratgeber ausreichen, der seine Leser mit ein paar guten Rezepten auf die Spur bringt. An solchen Ratgebern und Rezepten herrscht wohl auch kein Mangel; nur bleibt die erfreuliche Wirkung meistens aus. „Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 2: Selbst-Management“ weiterlesen

Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 1: Der Entwicklungsprozess

Bild-von-bilder-2.n3po.com

Ich habe einige Ideen, was ich beruflich machen könnte. Es würde mir bestimmt liegen, mit Menschen zu arbeiten, gern im sozialen Bereich. Ich kann mir auch vorstellen, in einem großen internationalen Unternehmen angestellt zu sein – vielleicht im Marketing oder auch im PR-Bereich. Oder ich mache mich mit irgendwas selbstständig – das wäre auch möglich. Ich KANN mich nur einfach nicht entscheiden – Entscheidungsfreudigkeit ist nicht gerade meine größte Stärke. Aber ich will endlich etwas anderes tun, deshalb muss sofort eine Entscheidung her.“

So eine Problembeschreibung höre ich mindestens einmal in der Woche. Jemand hat schon eine Weile gegrübelt und einige ungefähre Vorstellungen davon, was er beruflich machen könnte. Und jetzt meint er, sich entscheiden zu müssen. Dabei sieht er aber nicht, dass eine halbwegs vernünftige Entscheidung auf dieser Grundlage überhaupt nicht möglich ist. „Die drei Ebenen des Projekts Neuorientierung – Teil 1: Der Entwicklungsprozess“ weiterlesen

Die Risiken des Bleibens

„Auch wenn vieles dafür spricht, sich beruflich zu verändern, ist es nicht viel zu riskant, einen sicheren Job aufzugeben?“ 

Wo es um berufliche Neuorientierung geht, ist diese Frage selten weit – egal ob ich mit veränderungswilligen Menschen oder Journalisten spreche, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Dabei wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Veränderungen immer unsicherer sind als das Festhalten am Status Quo.

Diese Logik ist nicht so logisch, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheint. „Die Risiken des Bleibens“ weiterlesen

Aus der WELT: „Warum wir tote Pferde reiten“

Am 26.03.2011 erschien in der Printausgabe der WELT dieser Artikel von mir:

Warum sollte jemand ein totes Pferd reiten? Weil er glaubt, keine Alternativen zu haben? Weil es ihm so vertraut und sicher erscheint? Weil andere Leute doch auch tote Pferde reiten? Oder weil es sich in vielen Jahren bewährt hat?

Das klingt absurd. Natürlich. Aber viele Menschen verhalten sich genau so: Sie sind schon lange unzufrieden mit ihrer beruflichen Existenz. Sie klagen und grübeln. Sie wissen, dass es von allein nicht besser werden wird.  Trotzdem werden sie nicht aktiv und bleiben, wo sie sind. 

Laut einer Studie des Gallup Instituts fühlen zwei Drittel der Deutschen keine emotionale Bindung zu ihrer Arbeit. Sie machen Dienst nach Vorschrift und warten auf Wochenende, Urlaub und Rente. Nur eine kleine Minderheit von 11 Prozent sind hoch motiviert und mit ganzem Herzen dabei. Unzufriedenheit und Frust sind eher die Regel als eine Ausnahme – das Reiten auf toten Pferden ein Volkssport.


Der Nachteil ist nur: Sie sind leider suboptimale Fortbewegungsmittel. Und auf toten Job-Pferden werden wir nur immer unzufriedener und womöglich irgendwann krank. Warum halten wir also so sehr an ihnen fest? 

Die einfachste und sehr menschliche Antwort lautet: Weil wir Angst haben. Egal, ob die mögliche Alternative eine neue Aufgabe im Unternehmen, ein anderer Arbeitgeber, eine ganz andere Tätigkeit oder womöglich eine selbstständige Existenz sein könnte – Neuanfänge bergen immer Risiken. Es könnte schief gehen. Vielleicht sehen andere unsere Kompetenzen viel negativer als wir selbst. Das wäre peinlich. Oder der neue Job und das neue Umfeld erweisen sich als nicht so interessant, wie wir glauben. Wir könnten scheitern und schon bald arbeitslos oder mit Hartz IV dastehen. Auch wenn dies nicht gerade wahrscheinlich ist – Ängste sind nun einmal nicht rational.

Unser bisheriger Job ist uns in allen Facetten vertraut. Berufliches Neuland ist immer erst einmal schwammig und unklar. Das liegt in der Natur der Sache. Und was unklar ist, bewertet unser Gehirn als riskant und negativ. Und löst Angstalarm aus. Deshalb gehören kalte Füße nun einmal zu Neuanfängen wie das Prickeln zur Brause.  

Wir können aber konstruktiv damit umgehen, wenn wir unsere Bedenken und Ängste ernst nehmen und Wege suchen, Risiken zu minimieren. Die Angst wird kleiner, wenn wir uns sachlich mit ihr auseinandersetzen.

Nur ist Angst einfach unsexy! Man gesteht sich und anderen nur sehr ungern ein, sie im Nacken zu spüren. Gerade in der Arbeitswelt sind schließlich coole Typen gefragt, denen Zweifel oder gar kalte Füße fremd sind. Was also tun zwischen den Stühlen – zwischen dem Bedürfnis nach Veränderung und der Angst vor Scheitern und Unsicherheit? Ganz einfach: Wir verdrehen – mehr oder weniger bewusst – die Realität ein wenig und konzentrieren uns auf Argumente, die wir leichter vertreten können. 

Mit so einem psychischen Ablenkungsmanöver gelingt es uns zu verharren, wo wir sind, und gleichzeitig uns und der Welt zu erklären, dass es für uns keine Alternative gäbe. Psychologen nennen diesen Mechanismus „Rationalisierung“: Ich stelle etwas Irrationales so dar, dass es mir als die vernünftigste Sache der Welt erscheint. Und schon ist ein totes Pferd die beste aller möglichen Lösungen! 

Welche „guten Gründe“ könnte man vorgeben, um an einem unbefriedigenden Job festzuhalten?

Viele argumentieren mit ihrer vermeintlich unzureichenden Kompetenz: Sie glauben fest daran, dass sie nur können, was in ihrer derzeitigen Jobbeschreibung steht. Jeder neue Job würde natürlich andere Anforderungen stellen, und das birgt Risiken. Da ist es einfacher zu sagen „ Ich kann doch nichts anderes.“ Um mich neu zu orientieren, brauche ich ein realistisches Bild meiner Fähigkeiten – möglicherweise muss ich mich fortbilden. Und das ist unbequem. 

Manche Menschen beharren darauf, dass sie ja gar nicht wissen, was sie wollen. Und solange man das nicht weiß, muss und kann man auch nichts tun. Vielleicht ab und zu in Stellenbörsen schauen. Viel grübeln. Aber das reicht selten aus. Viel sinnvoller wäre es, das eigene Herz zu ergründen und den Möglichkeiten der Arbeitswelt wirklich auf den Zahn zu fühlen. Aber das erfordert Zeit und eine Menge Engagement! Da ist es leichter zu sagen, dass man ja nichts wisse.

Sehr häufig führen Menschen ihr Alter an als Totschlagargument gegen jede Veränderung. „In meinem Alter will mich doch keiner mehr.“ Das mag für bestimmte Berufe und Branchen auch tatsächlich gelten. Mit 45 werde ich wahrscheinlich nicht mehr Astronaut oder Profitänzerin werden können. Für viele Jobs ist mein Alter aber unerheblich oder gar ein Vorteil. Und letztendlich liegt es auch an mir, wie ich mich, meine Ziele und meine Kompetenzen verkaufen kann. Nur ist die Vorstellung, für sich selbst die Werbetrommel zu rühren, vielen höchst unangenehm. Da nimmt man sich lieber selbst aus dem Spiel, indem man sich für zu alt zu erklärt. Oder für zu jung, zu unkreativ, zu unerfahren, zu unflexibel, zu was auch immer…

Reiter von toten Pferden verweisen gern auf die vielen anderen, denen es genauso geht: Andere hassen ihren Job doch ebenso sehr wie sie. Deshalb muss das wohl okay sein – das (Berufs-)Leben ist ja auch kein Ponyhof. Wie naiv muss man sein, sich in der Arbeit verwirklichen zu wollen! Und Menschen, die ihren Job lieben, haben ganz einfach Glück gehabt oder sind viel kompetenter und intelligenter – also Ausnahmen, die die Regel bestätigen. 

Die „guten Gründe“, an seinem ungeliebten Job zu kleben, haben eines gemeinsam: Sie basieren auf „gefühlten Wahrheiten“, auf Glaubenssätzen, die bei näherer Betrachtung undifferenziert und schlichtweg falsch sind! Sie mögen oft einen wahren Kern haben – aber sie fallen zusammen wie ein Kartenhaus, wenn wir ihnen auf den Zahn fühlen. Und das ist ein guter erster Schritt auf dem Weg zu einem beruflichen Neuanfang.

Wir können ein totes Pferd reiten. Aber wir müssen nicht.

Ein Interview mit Brigitte.de zu toten Job-Pferden

BRIGITTE.de: Herr Diesbrock, saßen Sie beruflich schon mal auf einem ‚toten Pferd‘?


Tom Diesbrock: Oh ja! Mein erstes Studium – Medizin – war von Anfang an ein totes Pferd. Ich wollte es nur nicht wahr haben und machte immer weiter. Später hielt ich lange an einem vermeintlich sicheren Job als Redakteur fest, bis ich endlich wagte, mich als Psychologe selbstständig zu machen. Ich habe es nie bereut. Denn tote Pferde sind nun mal keine guten Transportmittel!


BRIGITTE.de: Warum quälen sich Menschen oft weiter mit ihrem alten Job, obwohl sie innerlich längst gekündigt haben?

Tom Diesbrock: Meistens spielt Angst dabei die zentrale Rolle. Jede neue Möglichkeit ist erst einmal ungewiss und birgt Risiken – kalte Füße gehören zu jeder beruflichen Umorientierung. Verhängnisvoll ist nur, wenn sich die Angst hinter scheinbar vernünftigen Argumenten versteckt und wir überzeugt sind, zu alt oder zu inkompetent zu sein. Und deshalb jede berufliche Alternative pauschal als „unrealistisch“ abtun. Das erlebe ich sehr häufig!

BRIGITTE.de: In Ihrem Buch schreiben Sie, man reagiere oft „unerwachsen“, wenn Ängste im Spiel sind. Wie meinen Sie das?

Tom Diesbrock: Unsere Ängste sind meistens sehr alt. Wir haben Angst zu versagen, kritisiert und bloßgestellt zu werden und dass es schrecklich enden wird, wenn wir ein Risiko eingehen. Wenn uns solche Ängste im Griff haben, denken und fühlen wir wie ein Kind. Man spricht dann von einem Kind-Ich-Zustand. Das ist ganz normal. Wir sollten nur immer versuchen, auch unser erwachsenes Verständnis einzuschalten und nicht aus kindlichen Katastrophen- und Versagensängsten zu handeln und zu entscheiden. Sonst bewegen wir uns nicht vom Fleck.

BRIGITTE.de: Was, wenn ich so blockiert bin, dass ich einfach nicht aus der Misere rauskomme? Kann ich das überhaupt aus eigener Kraft schaffen?

Tom Diesbrock: Nicht jeder schafft es ganz allein. Wenn ich in meinem Job nur noch leide, aber keine Alternative sehe, ist das purer Stress, der mich auf Dauer krank machen wird. Durch wachsenden inneren Druck wird mein Tunnelblick immer enger, sodass ich irgendwann allein keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis mehr finden kann. Dann brauche ich dringend Unterstützung, etwa von einem Coach oder Psychologen.

BRIGITTE.de: Sie sagen, man brauche „innere Freiheit“, um beruflich weiterzukommen. Wie erreiche ich die?

Tom Diesbrock: Wenn ich für mich keine beruflichen Alternativen sehe und nur starr an dem festhalte, was ich habe und tue, ist meine innere Freiheit gleich null. Um das Steuer meiner Karriere in die Hand nehmen zu können, brauche ich einen klaren Blick für meine Möglichkeiten und die innere Erlaubnis, sie auch nutzen zu dürfen. Dafür muss ich lernen, meine Ängste und negativen Selbstbilder zu hinterfragen und erwachsen mit ihnen umzugehen. So wächst meine innere Freiheit. Das ist nicht einfach – aber durchaus möglich.

BRIGITTE.de: Sie haben beobachtet, dass die Jobkrise vor allem Menschen zwischen 35 und 45 ereilt. Woran liegt das?

Tom Diesbrock: Nach Schule, Ausbildung und Uni steht für viele Menschen im Mittelpunkt, sich zu beweisen, ordentlich Geld zu verdienen und möglichst schnell die Karriereleiter aufzusteigen. Dafür stellt man auch persönliche Interessen zurück und hat keine Probleme mit einer 50- oder 60-Stundenwoche. Aber zwischen 35 und 45 sind diese Ziele meist mehr oder weniger erreicht. Gleichzeitig verändern sich unsere Werte und Ziele, und es ist nicht mehr so wichtig, was einmal zentral für unser berufliches Selbstverständnis war. Dann geraten viele Menschen in eine Krise, weil sie noch keine Antworten für diese Situation haben.

BRIGITTE.de: Heute arbeitet kaum noch jemand ein Leben lang bei einem Arbeitgeber, häufige Jobwechsel sind normal geworden. Macht es das nicht leichter, sich selbst auch neu zu orientieren?

Tom Diesbrock: Auf jeden Fall! Leider sehen viele Menschen nur die Unsicherheit und Risiken dieser Entwicklung. Dabei haben wir heute viel mehr Chancen, das zu tun, was uns liegt und Freude macht. Wir können den Job unseren verändernden Lebensbedingungen anpassen. Früher war man stolz, mit seinem Unternehmen verheiratet zu sein. Heute gilt als verdächtig, wer zu lange an seinem Job klebt.