Vom falschen Charme des alten Wegs

Sich beruflich neu zu orientieren, ist eine komplexe Angelegenheit. Vor allem für jemanden, der seinen Job satt hat und entschlossen ist, in Zukunft etwas ganz anderes zu tun. Glücklich die Neuorientierer, die dabei ein klares Ziel vor Augen haben. Wer aber noch nicht weiß, wie seine Alternativen aussehen könnten, hat eine spannende, allerdings auch schwierige Zeit vor sich. Denn bekanntlich sind Weg-von-Ziele (nämlich weg vom jetzigen Job) deutlich einfacher zu finden als Hin-zu-Ziele.

Vor allem für Menschen, die sich schon lange nicht mehr – oder gar noch nie – ernsthaft gefragt haben, was sie denn mit dem Rest ihres Berufslebens anfangen möchten, wo die Reise hingehen soll und welche Tätigkeit sie zufrieden machen und vielleicht sogar erfüllen könnte. Wünsche, Impulse und neue Jobideen sind wie Pflänzchen, die noch im Boden stecken und ihre Zeit brauchen, um herauszukommen. Wunsch-Coming-out sozusagen – aus dem Unbewussten ins Bewusste.

Was diesen Prozess erleichtert, habe ich ja hier und in meinen Büchern schon ausführlich beschrieben: vor allem Geduld und die Entschlossenheit, sowohl die eigenen Fragen ernst zu nehmen als auch die Antworten, die sich irgendwann ganz bestimmt melden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Denn um am Ende eine kluge Entscheidung treffen zu können, bedarf es konkreter und gut durchdachter Alternativen. Doch um diese zu entwickeln, müssen wir uns vorher mit vielen, auch scheinbar untauglichen oder gar verrückten Ideen auseinandersetzen – schließlich kommen einem die richtig guten Ideen oft erst einmal unrealistisch und versponnen vor. Da muss der Neuorientierer durch.

Dummerweise ist es sehr menschlich, Ambivalenz und Unsicherheit schwer aushalten zu können. Ängste melden sich zu Wort und verlangen von uns, sofort irgendeine Entscheidung zu treffen, um die Hängepartie zu beenden. Ich erlebe es im Coaching mit Neuorientierern nicht selten: Eben waren wir uns noch einig, dass sie oder er sich ausreichend Zeit nimmt, um Jobideen in Ruhe zu entwickeln. Aber nach einer Woche stellt sich schon Unruhe ein. Es muss doch endlich was geschehen. Ich kann doch nicht monatelang NICHTS tun! 

Und dann startet oft hektischer Aktivismus: Es werden Jobbörsen gescannt und Headhunter kontaktiert – vielleicht sogar Bewerbungen geschrieben und alles daran gesetzt, ganz schnell einen Job zu finden. Aber eben keinen wirklich neuen. Denn Alternativen sind ja noch gar nicht entwickelt und bekannt. Also setzt man in Ermangelung eines neues Pferdes konsequent auf das bekannte tote.

Ein sicheres Zeichen, dass Ängste und innere Widerstände gerade die Führung übernommen haben. Der langgehegte Wunsch nach beruflichem Neuland? Ist schnell wieder zu den Akten gelegt. Wo Angst regiert, haben Selbstverwirklichung und Lebensqualität es schwer. Um vor sich selbst nicht allzu blöd dazustehen, neigen wir dann dazu, uns unser – völlig irrationales – Handeln irgendwie schön und klug zu reden. Wenn wir das durchziehen, haben wir vielleicht demnächst tatsächlich einen neuen alten Job – der sich überraschend nach kurzer Zeit wieder als totes Pferd entpuppt…

Ausgetretene Pfade, die uns bisher nicht zum Ziel brachten, können plötzlich wieder sehr attraktiv erscheinen, wenn unsere Füße nur kalt genug sind. Mein Tipp: Im Prozess der beruflichen Neuorientierung ist plötzlich auftretender Aktionismus immer ein Warnsignal. Und um nicht in Versuchung zu geraten, sollte man Stellenbörsen meiden, solange man noch keine Ahnung hat, wohin die Reise gehen soll.