Selbstbewusstsein

Eine Gehaltserhöhung fordern? Im Meeting seine Meinung sagen? Einen Standpunkt aktiv vertreten? Unter Freunden oder in der Familie für eigene Bedürfnisse und Wünsche einstehen? Vielleicht auch mal Nein sagen? Oder die Initiative ergreifen und einen Menschen ansprechen?

Das kann ich nicht. Weil ich nicht selbstbewusst bin. So war ich schon immer, so ist nun mal meine Persönlichkeit. Ich bin so.

Wirklich?

Ich höre solche Feststellungen nicht gerade selten. Vor allem wenn es darum geht, die eigene Komfortzone zu verlassen und etwas Ungewohntes zu tun. Weil jemand unzufrieden ist mit seiner Situation oder dem Leben im Allgemeinen. Oft ist der Veränderungsdruck wirklich groß - aber innere Widerstände sind es leider auch.

Fast alle Menschen bekommen kalte Füße, wenn sie größere Veränderungen angehen wollen oder müssen. Das ist ganz normal und nicht weiter schlimm, denn mit Ängsten kann ich einen Umgang finden. Und eine Angst ist ja meistens auf etwas gerichtet, vor dem ich Angst habe. Also zeigt sie auch die Richtung an, in die die Reise gehen könnte und sollte.

Aber wie gehe ich damit um, wenn ich glaube, nicht selbstbewusst zu sein?

"So bin am ganzen Leibe ich, so bin ich, und so bleibe ich.", sang Zarah Leander einst. Mich darauf zu berufen, dass mein Denken und Fühlen Ausdruck meiner Persönlichkeit ist, macht die Sache erst einmal leicht. Denn wir alle wissen ja, dass unsere Persönlichkeit im Erwachsenenalter sehr stabil und kaum zu ändern ist. Damit ist der Zug also abgefahren? Das ist vielleicht bequem - aber völliger Quatsch.

Wir sind natürlich stark geprägt von unseren bisherigen Erfahrungen. Und wenn wir immer und immer wieder den Schluss gezogen haben, dass wir hilflos und unfähig sind, hat sich diese "Erkenntnis" wahrscheinlich ziemlich tief eingebrannt. Wir haben sie zum Teil unseres Selbstverständnisses gemacht. Aber sind wir deshalb tatsächlich hilflos und unfähig?

Traumatische Erfahrungen können uns tatsächlich so sehr prägen, dass wir kaum gegen sie handeln und denken können. Aber fast niemand, der sich auf sein mieses Selbstbewusstsein beruft, ist traumatisiert! Es ist eher gewohnt, so zu denken und zu fühlen. Gewohnheiten können natürlich sehr mächtig sein - aber wir können sie ändern.

Wenn mir ein "Mensch ohne Selbstbewusstsein" gegenüber sitzt, frage ich ihn meistens, was er wirklich über sich selbst denkt. Dann kommt zuerst gewohnte Lied, wie klein und unfähig und was-auch-immer er doch ist. Aber ich hake nach: Wie hilflos / klein / was-auch-immer schätzen Sie sich in diesem Moment auf einer Skala von 0 bis 10 ein? Und siehe da: Fast immer liegt die Selbsteinschätzung jetzt im mittleren Bereich.

Denn in dieser Situation gebe ich mich nicht mit eingeschliffenen Glaubenssätzen zufrieden, sondern frage nach Überzeugungen. Mich interessiert nicht, was jemand glaubt, sondern was er denkt. Und wenn wir uns trauen, unser Hirn einzuschalten, kommen wir immer zu ganz anderen Schlüssen. Und zu einem viel differenzierteren Selbstverständnis.

Mir geht es darum, Menschen aus einem Teufelskreis herauszuholen: Wenn jemand nämlich gewohnheitsmäßig schlecht von sich denkt, verhält er sich entsprechend - passiv, entschuldigend, von sich ablenkend. Die Konsequenz ist, dass er einerseits kaum Erfolgserlebnisse verbucht. Und dass er andererseits von anderen Menschen entsprechend behandelt wird - also übersehen, übergangen und vielleicht bemitleidet. Das wiederum bestätigt und stabilisiert sein negatives Selbstbild. Klingt nicht gut, oder?

Wir tun Menschen, die sich so negativ verkaufen, übrigens keinen Gefallen, wenn wir uns Mühe geben, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Aber Du bist doch kompetent und gut aussehend und so nett und... Das führt vielleicht kurzzeitig zu einem guten Gefühl. Aber es ändert nichts. Therapeutisch klüger ist es, diesen Menschen mit seinen Glaubenssätzen zu konfrontieren. Denkst Du das wirklich?