Ist ein totes Pferd ein gesellschaftliches Problem?

Ist ein totes Pferd ist gesellschaftliches Problem?

Ich möchte hier einmal auf die nicht wenigen Kommentare – vor allem auf meinen Artikel in der WELT – antworten, die im Grundtenor kritisieren, dass ich ein gesellschaftlich-politisches Problem psychologisiere und damit die „wirklichen“ Zusammenhänge verkenne und womöglich verdrehe. Viele Menschen geben sich richtig empört nach dem Motto

„Der Psychologe hat gut reden – aber von der Realität auf dem Arbeitsmarkt hat er ja keine Ahnung.“

Nicht das Individuum ist schuld, wenn es ein totes Job-Pferd reitet, sondern das System und die Bedingungen? Okay, ich gebe zu, das ist ein bisschen zu polemisch. Nur so mancher, der seinen Job wohl ziemlich hasst, versteht sein Leid anscheinend wirklich ausschließlich als Konsequenz der Umstände – und nicht auch des eigenen Handelns und Denkens.

Auch wenn ich befürchte, dass einige Leute einfach fest entschlossen sind, mich falsch verstehen zu wollen, möchte ich noch einmal zu Protokoll geben:

Selbstverständlich haben wir unterschiedlich gute Bedingungen in der Arbeitswelt. Nicht jeder kann alles erreichen, wenn er nur entschlossen genug ist – sonst wäre es wirklich die Schuld des Einzelnen, wenn er nicht längst Berufung und Traumjob gefunden hat…

Die Arbeitsverhältnisse sind unsicherer als sie es einmal waren. Zeit- und Projektverträge nehmen immer mehr zu. Was einige Menschen für eine Stunde ihrer Arbeitszeit bekommen, ist eine Unverschämtheit. Und die Lohnentwicklung folgt ganz offensichtlich nicht den Gewinnentwicklungen der Unternehmen. 

Es gibt vieles zu kritisieren in der Arbeitswelt, und das sehe ich durchaus. Ich sehe aber nicht nur Schatten in diesen Entwicklungen, sondern auch neue Möglichkeiten und Freiheiten. Die Tatsache allein, dass es nicht mehr so ist, wie es einmal war, finde ich nicht sonderlich empörenswert.

Vor allem sehe ich aber meine Aufgabe als psychologischer Coach und Autor nicht darin, im großen Chor mitzusingen, dass alles ganz schlimm und ungerecht ist! Als meinen Job verstehe ich es, Menschen anzuregen und dabei zu unterstützen, die Möglichkeiten und Freiheiten, die ihnen die Arbeitswelt bietet, zu sehen und zu nutzen. 

Ich glaube nicht, dass Menschen von mir hören und lesen wollen, dass ihre Situation nicht leicht ist. Und dass die gesellschaftlichen Bedingungen es ihnen schwer machen, wissen sie wahrscheinlich selbst. Wenn jemand beispielsweise ein sehr negatives Bild von seinen Fähigkeiten und Chancen hat, mag das auch darin begründet liegen, dass er sich durch die äußeren Bedingungen eingeschüchtert und klein gemacht fühlt. Meine Arbeit ist es dann, mit ihm ein positiveres Selbstbild zu erarbeiten und ihm zu helfen, selbstbewusster aufzutreten. 

Voraussetzung ist dafür natürlich, die Situation – egal ob wir sie lieben oder hassen – anzuerkennen, wie sie ist. In meinen Augen macht es Sinn, sich die Spielregeln sehr genau anzusehen, sie für unsere Ziele zu nutzen und das Spiel zu spielen. Allein darauf fixiert zu sein, dass es ein unfaires Spiel ist, halte ich nicht unbedingt für konstruktiv…