Selbstrespekt


Ich komme mir vor wie ein Komparse in meinem eigenen Leben.

Ich bin stets bemüht, dass es allen anderen Menschen um mich herum gut geht. Ich arbeite länger und mehr als es mein Arbeitsvertrag vorsieht. Das ist eben meine Pflicht, ich muss das tun. Erst wenn ich alles erledigt habe und alle zufrieden sind, dann denke ich an mich. Nur, dafür ist eigentlich niemals Zeit übrig. Und meistens bin ich auch viel zu müde, etwas zu tun, was mir am Herzen liegt. So wie ich gern Spanisch lernen und dann mal einige Monate in Spanien leben würde. Das ist mein größter Traum. Aber mehr als einen Anfängerkurs an der VHS vor ein paar Jahren habe ich bisher nicht zustande gebracht. Es gibt eben so verdammt viel Pflicht in meinem Leben.

Nach allzu viel Respekt für die eigenen Interessen, Werte, Bedürfnisse und Ziele klingt das nicht. Genau darum geht es aber beim Selbstrespekt: nämlich die eigenen Belange stets im Blick zu haben und gegen die Forderungen anderer Menschen oder z.B. unseres Jobs abzuwägen. Und immer wieder Entscheidungen zu treffen, die dafür sorgen, dass wir dabei nicht zu kurz kommen. Selbstrespekt sollte uns dazu motivieren, uns frei zu entscheiden und eine Balance herzustellen zwischen eigenen und Interessen von außen.

Allerdings befürchten nicht wenige Menschen, mit so einer Haltung bei anderen als Egoist zu gelten.

Wenn sich früher in meiner Familie jemand das größere Stück Kuchen nahm, hieß es (natürlich hinter seinem Rücken), er sei "vom Stamme Nimm". Denn es galt die eiserne Regel, sich selbst grundsätzlich zurückzustellen und eigene Bedürfnisse zu verleugnen. "Nimm Du doch, ich brauche nicht..." Wer sich daran nicht hielt, wurde als egoistisch betrachtet. Und wer wollte schon vom Stamme Nimm sein?

Ich kenne viele Menschen, die so eine Sichtweise früh gelernt haben. Und wie alle Glaubenssätze wurde sie reflexhaft befolgt und selbstverständlich nicht hinterfragt. Bis man - hoffentlich! - eines Tages realisiert, wie unsinnig sie in Wirklichkeit ist. Denn die Aufteilung der Welt in "gute Zurückhalter" und "böse Egoisten" ist ja recht schwarz-weiß. Und nicht gerade erwachsen. Den Selbstrespekt zurückzustellen, um dafür - quasi als Belohnung - als guter, weil bescheidener Mensch zu gelten, ist in Wahrheit ein richtig mieser Deal!

Harmoniebedürftige Menschen mögen hier einwenden: "Aber das ist doch schade. Wär es nicht viel schöner, wenn jeder auch die Interessen seiner Mitmenschen im Blick hat?"

Klar, das wäre super. Solange sich keiner traut, das größere oder letzte Stück Kuchen zu nehmen - "nimm Du, nein, nimm Du, nein, nimm Du doch,..." - ist es zwar höllisch anstrengend, aber das System funktioniert. Bis jemand kommt, der anders tickt, weil er gelernt hat, dass man selbst für sich sorgen muss. Der nimmt das größere Stück natürlich gern. Und denkt sich gar nichts Böses dabei.

Denn so funktioniert die Welt eben: Wo sich der eine lieber zurücknimmt, nimmt sich ein anderer gern den freiwerdenden Raum. Wenn jemand keine Ansage macht, wohin er das Schiff steuern will, wird sich schnell jemand finden, der sehr gern den Kurs vorgibt. Und jemand, der sich lieber in der dritten Reihe aufhält, darf sich nicht wundern, dass andere Menschen sich in der ersten Reihe positionieren.

Sich selbst respektvoll begegnen zu können, ist keine Frage der Persönlichkeit. Sondern vor allem eine Denkgewohnheit. An sich selbst zu denken, kann man lernen. Das geht nicht über Nacht und braucht Zeit, Entschlossenheit und Disziplin. Aber sich selbst nicht den Respekt einzuräumen, den man braucht und verdient hat, bedeutet nicht nur einen kleinen Abzug in der B-Note.

Selbstrespekt ist kein Nice-to-have - sondern für unsere Lebensqualität eine Pflichtveranstaltung.

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